Presseberichte Haus Mobile

Luftballon, Oktober 2007


www.gluecklich-leben.de 05/07:

Ältere flüchten aus der Anonymität, junge Leute finden neue Freunde und Ersatz für Großeltern, die manche nie kennen gelernt haben: Im „Haus Mobile“ auf dem Burgholzhof in Stuttgart wohnen 24 Familien jeglicher Herkunft und politischer Couleur – die Alterspanne reicht von einem bis 82 Jahre. Anders als bei den vom Bund propagierten Mehrgenerationenhäusern steht nicht institutionalisierte Hilfe im Vordergrund. Es geht ums Zusammenleben.

Unterhaltung beim kleinen Laden an der Ecke

Stau. Ganz Stuttgart scheint am Pragsattel nördlich der Innenstadt unter Beweis stellen zu wollen, dass dies der belebteste Verkehrsknoten der schwäbischen Metropole ist. Das Auto kocht. Doch beim Einbiegen zum Robert-Bosch-Krankenhaus öffnet sich eine neue Welt: Der Burgholzhof.

Grünflächen zwischen Neubauten. Kinder spielen auf der Straße. Die Eltern unterhalten sich beim kleinen Laden an der Ecke. „Wenn ich hier ankomme, fühle ich mich ganz zuhause“, sagt die 59-jährige Elisabeth Fellendorf. Mit ihrem Mann hat sie nach 37 Jahren ihre Zelte in Karlsruhe abgebrochen, um in eines der Mehrgenerationen-Wohnprojekte - das am Stuttgarter Burgholzhof - zu ziehen.

Freude über den Gruß auf dem Weg zum Bäcker

Wir kamen hier hin, um nicht in der Einsamkeit der Stadt zu versinken. Hier ist immer Leben“, sagt der Lothar Fellendorf (68). Am Anfang hat das Ehepaar seine  Freunde zwar vermisst, bereuen ihre Entscheidung aber keineswegs. „Unsere frühere Nachbarschaft war ziemlich verschlossen“, sagt Elisabeth. „Es ist einfach schön, wenn man hier beim Weg zum Bäcker gegrüßt wird.“

Chance auch bei geringem Einkommen

Schon bevor 2005 die Bagger anrückten, hatten sich die Bewohner regelmäßig getroffen: Um sich kennen zu lernen und ihre Wohnungen wie die Gemeinschaftsräume mit einem Architekten zu planen. Jeder, der hier lebt, hat dieselben Rechte und Pflichten. Egal ob Mieter oder Eigentümer. Für die Mietwohnungen, die von der Stadt Stuttgart gefördert sind, ist ein Berechtigungsschein notwendig. So haben auch Menschen mit geringem Einkommen die Möglichkeit, auf dem Burgholzhof zu wohnen.

Gitterzaun zwischen zwei Welten

Ein paar Meter hinter dem Wohngebiet endet die Idylle auch schon wieder. Bis 1997 war das gesamte Areal Kaserne. Heute wohnen in den Kelley-Baracks zivile Angehörige der amerikanischen Armee. Poller blockieren die Zufahrten. Männer mit Sonnenbrillen und Pistolen im Halfter schauen kritisch in die vorbeifahrenden Autos. Im Garten des Wohnprojekts steht ein Sandkasten. Der Blick auf die Wohnungen der Amerikaner nebenan fällt durch einen grünen, stabilen Gitterzaun.

Grosselternersatz für Roya und Sassan

Im Sand spielen Roya und Sassan, beide noch nicht ganz zehn Jahre alt. Mutter Stephanie Sabzghabei sitzt mit den Fellendorfs dabei. „Hier ist es schöner als da, wo wir vorher gewohnt haben“, sagt Roya. Hier hat sie Freunde gefunden. Da sie ihre Großeltern nicht kennen lernen konnte, tut ihr auch der Kontakt mit den Älteren gut, findet Stephanie Sabzghabei: „Es ist wichtig, dass die Kinder mit anderen Generationen in Kontakt kommen.“

Ein Mehrgenerationen-"Dorf"

Weiter hinten ruht ein Mann in der Sonne, eine Frau macht den Garten, hält gleichzeitig ein Schwätzchen mit der Nachbarin. „Ich konnte in meiner Kindheit im Stuttgarter Viertel Löwentor noch überall klingeln. Es war immer jemand da, der sich um mich kümmerte“, sagt die 39-jährige Sabzghabei. Sie möchte, dass ihre Kinder ebenso aufwachsen: „Der Burgholzhof ist ein Dorf“. Und das keine drei Kilometer von der Königstraße entfernt, Stuttgarts Fußgängerzone im Stadtkern.

Nachbarschaftshilfe mit Augenmaß

Gelebte Nachbarschaftshilfe und dennoch genügend Privatsphäre: Im Haus greifen sich Mütter und auch die (Ersatz-)Großeltern unter die Arme, etwa beim Babysitten. Die Hilfe hat aber gewisse Grenzen. Sie könne beispielsweise keinesfalls einen Pflegedienst ersetzen, betonen die Bewohner.

"Manch haben sich abgehängt“

Die Erwartungen nicht aller, die vor zwei Jahren herzogen, haben sich erfüllt. Manche hätten sich mehr Angebote gewünscht, etwa einen Kinderhort mit Hausaufgabenbetreuung. „Einige Familien haben sich abgehängt“, sagt Lothar Fellendorf. Seine Frau ergänzt, dass sich der große Teil der 24 Familien aber gut verstehe. „Es können nicht alle einer Meinung sein“, sagt die 69-jährige Ursula Krause-Scheufler: „Dabei bieten wir viel, nur nicht so regelmäßig.“ Thementage mit Essen verschiedener Nationalitäten, Kinderbetreuung und Kochen mit dem Nachwuchs gibt es.

Freiraum für Kleine und Grosse

Zusammen feiern gehört dazu. „Wenn wir Erwachsenen ein Fest feiern wollen und  die Kinder loshaben wollen, macht man hier auf. Dann sind die Kleinen mit sich selbst beschäftigt, sagt Lothar Fellendorf und öffnet die Tür zum Spielraum. Kinder toben darin auf einem Matratzenlager, hüpfen auf einem Trampolin und schießen Luftballons in die Luft.

Wohnungen im „Haus Mobile“ sind zwischen 44 und 135 Quadratmetern groß; der Gemeinschaftsbereich 100 Quadratmeter.  Je nach Einkommen beträgt die Miete zwischen 5,10 und 7,50 Euro pro Quadratmeter.  Die Mieter engagieren sich finanziell und helfen zum Beispiel beim Tapezieren. Sie kaufen Genossenschaftsanteile, die bei Auszug erstattet werden. Nach Ablauf der zehnjährigen Förderungszeit können die Wohnungen gekauft werden. Jedes Mitglied hat die Möglichkeit, in Genossenschaft eine Eigentumswohnung zu bauen. Kosten hierfür: 2120 Euro pro Quadratmeter.


Andere Beispiele:
Hannover: http://www.woge-nordstadt.de/; München: http://www.wogeno.de/; http://www.frauenwohnen.de/; Karlsruhe: http://www.mika-eg.de/; Wiesbaden: http://www.gemeinschaftlich-wohnen.de/; Freiburg: http://www.syndikat.org/

kn/red.

Heilbronner Stimme, 20. Februar 2007

Stuttgarter Zeitung, 27. Mai 2006:

Stuttgarter Nachrichten, 26. Mai 2006: